Fakten

Das grünste Stück Autobahn Europas

Der 12,4 Kilometer lange A33-Abschnitt 7.1 unterhalb der Ravensburg gilt unter Experten als „grünste Autobahn Europas“: Mehr als 10 Prozent der Gesamt­baukosten von 140 Mio. Euro werden allein für den Bau von sechs Grünbrücken ver­wandt – das sind sichere Querungshilfen für alle Arten wild­lebender Tiere. Insgesamt werden rund 31 Mio. Euro – und damit mehr als jeder fünfte Euro – für den Naturschutz ausgegeben: 14,5 Mio. für die Grün­brücken, 13,2 Mio. für Ausgleichsmaßnahmen und 3,2 Mio. Euro für Irritations­schutzwände, die vor allem Fledermäuse schützen sollen. Die A33, wie sie bis etwa 2019 zwischen FFH-Gebiet Tatenhausener Forst und der Südseite des UNESCO-Geoparks Nördlicher Teutoburger Wald gebaut werden soll, trägt den allerhöchsten naturschutzfachlichen An­forderungen Rechnung, die es derzeit in Europa gibt.

Planung dauerte 75 Jahre

10 Der Lückenschluss.cdrBereits 1937 wurde eine Strecke Osnabrück – Bielefeld – Paderborn entlang des Teutoburger Waldes und der Senne im Grundnetz der deutschen Autobahnen fest­gehalten. Demnach fällt der Spatenstich für den Lück­en­schluss 2012 in ein Jubi­läums­jahr: 75 Jahre sind seither vergangen – drei Generationen! Für die heu­tige Gene­ration der Autobahn-planer gilt der 19. September 1968 als An­fangs­datum der Arbeit: Damals wurde der erste Linienbestimmungs­be­schluss für die Verbindung zwi­schen A1 und A44 gefasst.

Planung 10XL

Der Planfeststellungsbeschluss der Bezirksregierung vom 9. Juni 2011 ist der umfangreichste, der je für eine Autobahn in Deutschland erarbeitet wurde. Beweis ist seine Seitenanzahl: 1.184. Das Bundesverwaltungsgericht attes­tierte, dass es so ein umfangreiches Verfahren mit so einer Vielzahl an Unter­lagen und Gutachten bisher noch nicht gegeben hat.

Gutachten-Flut

Es gibt in ganz Ostwestfalen-Lippe wohl kaum einen Naturraum, der so gründ­lich untersucht worden ist, wie die A33-Trasse zwischen Borgholzhausen und Halle. Allein für den Lückenschluss-Abschnitt 7.1 sind etwa 35 Gutachten er­stellt worden. Hier ein Auszug aus der Themenvielfalt: Jagdgebietsverhalten der Bechsteinfledermäuse, Untersuchungen zu den Brutvögeln, Luftschad­stoff­gutachten für die A33 und für die Ortsdurchfahrt Halle, Schadstoff­unter­such­ung Stickstoffeintrag im FFH-Gebiet, Bewertung von Verregnungsflächen eines Süßwarenherstellers, Hydrogeologische Untersuchung zum Schutz der Haller Trinkwasserbrunnen, Städtebauliche Bewertung der A33 Trasse und möglicher Alternativtrassen, Einwirkung einer Hochspannungsfreileitung auf die mensch­liche Gesundheit, und, und, und…

Artenschutz und Ausgleich

Für den Bau der A33 zwischen Bielefeld und dem Anschluss in Richtung Nordwesten (in Borgholzhausen) müssen ökologische Ausgleichsmaßnahmen auf einer Fläche von insgesamt 378 Hektar umgesetzt werden. Davon entfallen auf den 7,9 Kilometer langen Abschnitt 6 zwischen Bielefeld und der Grenze zwischen Steinhagen und Halle 209 Hektar, für die Anschlussstelle Schnatweg 37 Hektar und für den 12,6 Kilometer langen Abschnitt 7.1 von Halle bis Borgholzhausen 132 Hektar.

Auflagen für einzelne Arten

Wie ernst der Artenschutz genommen wird, zeigt eine Liste von Einzel­maß­nahmen, die für bestimmte Tierarten zu realisieren sind:  Für die Feldlerche sind Blühstreifen in der Größe von 1,3 ha auf vier Teilflächen zu realisieren, der Feldsperling erhält 30 Ausweichbrutplätzen in Form von Nistkästen auf Obst­wiesen, für die Kiebitze werden 14 ha Extensivgrünland mit Blänken in drei Bereichen hergerichtet, für das Rebhuhn müssen breite Saumzonen an Acker­rändern in der Größe von 0,41 ha berücksichtigt werden. Für die Schleiereule werden vier Ausweichbrutplätze in sicherer Entfernung von der Trasse an­ge­legt und für den Schwarzspecht wird Laubwald „mit kurzfristig nutzbaren Baumstubben“ in der Größe von 19,6 ha auf sechs Teilflächen als Ersatz­nahrungs­habitat ausgewiesen. Für den Steinkauz werden die Querungs­hilfen Eschweg und Holtfelder Straße durch Fortführung der Baumreihen auf den Grünbrücken optimal gestaltet, hinzu kommen Anbindungen der Grünbrücken an vorhandene Obstwiesen und Grünlandbereiche durch Leitstrukturen wie Baumreihen und Kopfbaumreihen. Entwicklung von Obstwiesen und Extensiv­grünland im Nahbereich der Querungshilfen in der Größe von 7,5 ha auf sechs Teilflächen. Im Umfeld der bekannten Quartiere sind zusätzliche Lebensräume wie Obstwiesen, Obstweiden, Extensivgrünland, Obst- und Kopfbaumreihen in der Größe von 11,9 ha auf 12 Teilflächen zu errichten. Hinzu kommen neue Lebensräume im Illenbruch auf fünf Teilflächen auf 17,6 ha sowie die An­bring­ung von drei mardersicheren Nisthilfen in vorhandenen und neuen Lebensräumen. Wachtel: Anlage eines Blühstreifens auf einer Ackerfläche in der Größe von 0,6 ha.

Achtung Fledermäuse

Dem Fledermausschutz gilt das besondere Augenmerk beim Lückenschluss. Für die zwölf  vorgefundenen Arten (von 25 in Mitteleuropa) Braunes Langohr, Fransenfledermaus, Kleine Bartfledermaus, Große Bartfledermaus, Breit­flügel­fledermaus, Zwergfledermaus, Kleiner Abendsegler, Großer Abendsegler, Wasser­fledermaus, Bechsteinfledermaus, Rauhautfledermaus und Mücken­fledermaus müssen folgende Maßnahmen umgesetzt werden: Umwandlung von ca. elf ha Nadelwald in Laubwald als zukünftige Jagdhabitate auf drei Teilflächen, Neuanlage von ca. 19,5 ha Laubwald als Ersatzjagdhabitate auf sieben Teilflächen, Anlage von ca. zwei ha Feldgehölzen auf drei Teilflächen, Anlage von ca. 3,3 ha Ufergehölzpflanzungen zur Vernetzung der Lebens­räume und Schaffung von Leitstrukturen zu den Querungshilfen in sechs Bereichen, Gewässerrenaturierungen und Neuschaffung von Gewässern in der Größe von ca. 1,0 ha als Jagdhabitate auf zwei Teilflächen, Neuanlage von ca. 1,1 ha Sukzessionsflächen im Umfeld von Gewässern als Jagdhabitat, Herstellung von ca. 1,6 ha Obstbaumreihen und Obstwiesen zur Vernetzung der Lebens­räume und Schaffung von Leitstrukturen zu den Querungshilfen auf vier Teilflächen. Sicherung von 80 alten Höhlenbäumen in drei Bereichen. Neuschaffung von 45 Ersatzquartieren durch neue Fledermauskästen in drei Bereichen.

Volle Kontrolle

Im Planfeststellungsbeschluss wurde verbindlich ein Monitoring, das heißt die Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen, für folgende Arten festgelegt. Monitoring Brutvögel (Arten Schleiereule, Feldlerche, Rebhuhn): erste Er­fass­ung vor Baubeginn, die zweite und dritte Erfassung nach Umsetzung der Maßnahmen und die vierte und fünfte Erfassung mit Verkehrsfreigabe und im darauffolgenden Jahr. Monitoring Fledermäuse (Arten Braunes Langohr und Kleiner Abendsegler):  Quartierkontrolle vor Baubeginn; Art Bech­stein­fleder­maus in den Kolonien Casum und Tatenhauser Wald: erste Erfassung erfolgte 2011/2012, zweite Erfassung nach Einschlag des Waldes, dritte Erfassung im Jahr nach der Verkehrsfreigabe. Vierte Erfassung im vierten Jahr nach Ver­kehrs­freigabe. Danach ggf. eine fünfte Erfassung im siebten Jahr nach Ver­kehrs­freigabe und ggf. eine sechste Erfassung im zehnten Jahr nach Ver­kehrs­freigabe.

Grünbrücken

Auf nur vier Kilometern der A33 werden zukünftig sechs Grünbrücken stehen. Das ist bisher einmalig in Deutschland. Die einzelnen Brücken haben unter­schiedliche Funktionen. So zum Beispiel die Grünbrücke “Eschweg”, geplant als Überflughilfe für Steinkäuze. Darauf wird mittig eine Obstbaumreihe ge­pflanzt und an den Rändern dichtes, dorniges Gehölz. Steinkäuze fliegen bevorzugt von Baum zu Baum und können dadurch die Autobahn gefahrlos queren. Die Grünbrücke “Neue Hessel” wird – 50 Meter breit – als Überflughilfe für verschiedene Fledermausarten vorgesehen. Auch auf ihr sollen Gehölz­reihen als Hecken mit lichten Bereichen in der Mitte der Brücke gepflanzt werden. Für Fledermäuse stellen sie eine Leitstruktur dar, an der sie entlang fliegen.

Für die Menschen

Viele Artenschutzmaßnahmen dienen auch den Menschen. So schützen Über­flugsbauwerke auch die Nachbarn vor dem Autolärm. Entscheidend wird die A33 aber die Anwohner der Bundesstraße B68 zwischen Borgholzhausen-Bahnhof und Quelle entlasten. Bis zu 18.000 Kraftfahrzeuge befahren die B 68 in Halle täglich. Der durchschnittliche LKW-Anteil auf Bundesstraßen liegt um die 10%. In Halle lag der vor Einrichtung der Südumgehung bei 16%, das sind 2.900 LKW pro Tag. Ohne den Lückenschluss der A33 zwischen Halle und Borgholzhausen würden sich der Verkehrsprognose zufolge im Jahr 2025 bis zu 25.000 Kraftfahrzeuge am Tag durch die Engstelle am Amtsgericht zwängen müssen. In Künsebeck stiege die Verkehrsbelastung sogar auf 29.000 Kraftfahrzeuge. Nicht nur der Lärm der Fahrzeuge, vor allem die Immissionen führen zu einer erheblichen Belastung für die Menschen. In erster Linie geht es um die Reduzierung der Stick­oxid­belastung. Dazu begleitet die Bezirksregierung Detmold einen Luft­reinhalte­plan für die Stadt Halle. Verschiedene Maßnahmen wie die Eröffnung der Südumgehung, helfen bereits. Wenn jedoch der Stickoxid-Grenzwert dauerhaft unter 40 Mikrogramm liegen soll, hilft nur der Lückenschluss der A33.

Für die Verkehrssicherheit

Mit der Entlastung der B68 durch den A33-Lückenschluss wird auch die Ver­kehrssicherheit erhöht. In den letzten zehn Jahren hat es weit mehr als 1.000 Verkehrsunfälle auf der B 68 zwischen Bielefeld und Borgholzhausen gegeben, leider mit viel zu vielen Toten und Verletzten. Nicht unerheblich wird am Ende auch sein, dass die Straßennutzer erhebliche Zeit- und Betriebskosten ein­sparen.

Sieben Jahre Bauzeit in der Lücke

Die Planer von Straßen.NRW, die für den Bau der Autobahn verantwortlich zeichnen, rechnen mit einer Bauzeit von insgesamt sieben Jahren für die 12 Kilometer lange Strecke. Geht man davon aus, dass es gelingt, die Verkehrs­freigabe wieder auf einen Termin kurz vor Weihnachten zu legen, trennen uns am Tag des Spatenstichs im Dezember 2012 genau 7 Jahre oder 2.556 Tage oder 61.344 Stunden, oder 3.680.640 Minuten oder 220.838.400 Sekunden von diesem von vielen erwarteten Ereignis. Das Aktionsbündnis hat auf seiner Internetseite www.a33-sofort.de einen Countdown-Zähler eingebaut.

Drei neue Abfahrten

Die neuen Anschlusstellen bekommen jeweils eine Nummer und einen Namen: Das Kreuz Bielefeld Süd ist die Abfahrt Nr. 19, Nr. 18 heißt „Steinhagen“ und endet auf der Bielefelder Straße. Nr. 17, die am Schnatweg endet,  wird „Künsebeck“ heißen. Und die Nr. 16 wird die Bezeichnung „Halle (Westf.)“ tragen. Nr. 15 ist die seit Jahren benutzbare Abfahrt Borgholzhausen.

50 Jahre Bauzeit für die gesamte A 33?

Westlich von Paderborn begannen 1975 die ersten Bauarbeiten für die A33, ein zweites Stück südlich der Domstadt war der zweite Abschnitt. Sollte 2019 die Lücke zwischen Halle und Borgholzhausen geschlossen sein, sind schon 45 Jahre ins Land gegangen. Ob zeitnah gelingt, die A33 von Belm bis zur A1 nördlich von Osnabrück zu Ende zu bauen, ist noch nicht klar. 50 Jahre Bauzeit werden es am Ende aber bestimmt sein.

Opa und Enkel

Genau 80 Jahre trennen zwei denkwürdige Daten: Während Güterslohs Land­rat Sven-Georg Adenauer, zugleich Vorsitzender des Aktionsbündnisses A33 sofort e.V., im Dezember 2012 den ersten Spatenstich für das grünste Stück Autobahn Europas setzte, hat sein Großvater Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundes­republik, vor acht Jahrzehnten Deutschlands erste Autobahn eröffnet. An dieses Ereignis erinnert Wikipedia so: Der Begriff „Autobahn“ tauchte zum ersten Mal 1932 auf und bezeichnete die Vorstellung einer kreuzungsfreien Schnellstraße ohne Gegenverkehr. Eine Fachzeitschrift des Vereins zur Vorbereitung der Autostraße Hansestädte–Frankfurt–Basel  (HaFraBa) hatte sich damals in Analogie zur Eisenbahn in „Autobahn“ umbenannt. Die erste Auto­bahn in diesem Sinne in Deutschland, die zwei Städte verband, wurde am 6. August 1932 zwischen Köln und Bonn vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer eröffnet; die kreuzungsfreie Strecke war 20 Kilometer lang („kreuz­ungs­freie Kraftfahr-Straße“). Heute trägt sie die Bezeichnung A 555. Die Straße war bereits für Fahrzeuggeschwindigkeiten von 120 km/h konzipiert, obwohl die damaligen Fahrzeuge meist nur eine deutlich geringere Geschwindigkeit erreichen konnten.

 

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